Wo ist das Paradies?

Zaki Al-Maboren zeigt seinen Bilderzyklus „Tierra Caliente“ im Glashaus

Ein Maler sieht die Welt mit Sicherheit anders als ein Ingenieur oder Landvermesser. Wo die einen von Technik begeistert sind, werden die anderen von Farbe überwältigt. So wie Paul Klee und August Macke, die 1915 das afrikanische Licht in Tunesien entdeckten und auf ihre Palette übertrugen. Der Künstler Zaki Al-Maboren, seit 30 Jahren in Kassel lebender gebürtiger Sudanese, entdeckte 100 Jahre später eine deutsche Industrielackiererei und die ungereinigte Patina von tausenden Lackiervorgängen auf den Böden und den Wänden der Fertigungsanlage. Seine von dieser Lackiererei inspirierten Bilder sind im April und Mai im Derneburger Glashaus zu sehen.
Zaki Al-Maboren legte seine Malgründe über einen Zeitraum von fast einem Jahr in die Lackierstraße und aus der Mischung von allen Farben entstanden grau-braune Oberflächen in tausend Nuancen. Diese Kostbarkeiten wanderten in das Atelier des Künstlers, der die Malgründe weiter bearbeitete: mit einem Rostbeschleuniger, der einen kontrollierten Verfall einleitet, durch das Aufstreuen und Fixieren von feinem Sand und durch Kupferoxidation, die die typische türkisgrüne Patina eines Kirchendaches erzeugt. In flächiger perspektivloser Malerei integrierte der Maler dann seine Bilderwelten in den Kosmos warm verlaufender erdiger Farbschichten. Alle so entstandenen Gemälde sind aus einem Guss, kommen zunächst unscheinbar daher, enträtseln sich langsam und bergen tausend Geheimnisse.
Die Gemälde von Zaki Al-Maboren erinnern an ägyptische Reliefmalerei, doch ohne ihre strenge Form und ihren heiligen Ernst, sondern mit einer gehörigen Portion Fröhlichkeit und Verspieltheit. In „Tierra Caliente“ haben vier menschliche graue Gestalten in einer offenen Geste ihre Hände erhoben und scheinen einen Schrein zu tragen, der im Mittelpunkt der Szene schwebt. Darin befindet sich seine Heiligkeit, ein Baum mit roten Früchten: der Garten Eden, in dem eine kaum zu erkennende kleine Gestalt auf dem Boden kauert. Das ist kein Sehnsuchtsbild, aber auch keine idealisierte Idylle, vielmehr ein Sinnbild der Erde, der Wärme und der Einheit. In „Tanz der Nubier“ bewegen sich fünf bunte Gestalten vor einem tief blauen Hintergrund über großen Fischen mit scharfen Zähnen und die Raubtiere auf der Suche nach Beute sind keine Bedrohung, sondern untrennbarer Teil des Lebens der Fischer. Das „Haus am Meer“ verschmilzt in türkisener Verwitterung mit dem Wind, der Frische und der Klarheit des aufgewühlten Wassers. Die „Venezianische Fassade“ ist Teil einer bewegten und verschlungenen braunen Struktur und die bunt leuchtenden Fenster und Türen des Gebäudes vermitteln das Gefühl der Geborgenheit im Fluss des Lebens. In „Roter Himmel“ ist das Bild in drei horizontale Schichten geteilt: unten eine rohe Erde aus oxydierten unbearbeiteten Brauntönen - der Ursprung. Darüber ein blau-grün leuchtendes Häusermeer mit Spiegelungen im Wasser - die Heimat der Menschen. Und über allem thront ein tiefrot leuchtender Himmel, dessen Betrachtung fast weht tut - die übernatürliche Gottheit, der wir alle ausgeliefert sind.

Was also passiert, wenn ein Afrikaner durch die Industrieanlagen von Europa spaziert? Er entdeckt im grauen Alltag der schnöden Arbeitswelt die farbenfrohe Schönheit einer von Göttlichkeit durchzogenen Welt der Menschen. Wo ist das Paradies? Ganz nah!

Martin Ganzkow - Kulturwissenschaftler